Zukunftsmusik?

von dessert

Bewertungen sind ein riesengroßes Problem der aktuellen Lehre: Wie man zum Beispiel im sehr interessanten Seminar „Fehleranalyse und Leistungsmessung“ von Dr. Ulrich Zeuner erfahren kann, ist die klassische Klausur eigentlich schlecht für eine Leistungserfassung geeignet: Abgefragt werden dabei so nebenbei einige völlig irrelevante Fähigkeiten, im Normalfall zum Beispiel das Arbeiten unter Zeitdruck. Das empfinde ich als unnötig, und es liegt auf der Hand, dass das das Bild vom tatsächlichen Lernfortschritt des Lerners verfälscht. Einer meiner Dozenten reagiert darauf so, dass er grundsätzlich nur noch Hausklausuren schreiben lässt, also eine Anzahl fachspezifischer Fragen vorgibt, die man wie eine Hausarbeit bis zu einem Stichtag bearbeiten und im Fließtext beantworten muss. Damit kann man sich die Arbeit ganz nach persönlichem Belieben einteilen und die Probleme vernünftig durchdenken – und hat durch die notwendigerweise intensive Beschäftigung mit der Thematik mehr und nachhaltiger gelernt als wenn man die zwei Wochen vor der Klausur stupide mit Pauken verbringt.

Das Gedankenexperiment führt aber viel weiter: Angenommen, der tatsächliche Lernfortschritt eines Menschen wäre zum Beispiel auf Basis eines Forschungstagebuchs analysier- und fehlerfrei darstellbar, wie man es beim Lernen A. D. 2038 vielleicht voraussetzen dürfte. Das hätte meiner Einschätzung nach zwei Effekte: Zum Einen würde es – mal wieder – die Freiheit des Lerners sehr erhöhen, weil der unmittelbare Leistungsdruck durch einen drohenden Klausurtermin oder gar die permanente Angst vor unangekündigten Tests deutlich gesenkt wäre. Zum Anderen bringt diese neugewonnene Freiheit wieder das Risiko der fehlenden Disziplin mit sich, was immer dann gefährlich werden kann, wenn der Lerner sich mit einer Thematik beschäftigen soll, die ihn weniger als brennend interessiert – was ich am natürlich spaßig gemeinten Video „Die Zukunft des E-Learning“ kritisieren muss, weil wohl nicht nur mancher Student die Zeit am Computer und Internet mit all seinen Verlockungen mit weniger studienbezogenen Aktivitäten verbringen, kurz gesagt lieber zocken und sich dadurch leicht verzocken würde. Optimaler wäre wohl das Arbeiten in Bibliothek, Universität oder Schule und Schreiben eines Tagebuchs mit reflektierenden Beiträgen über das Gelernte, was dem inneren Schweinehund weniger Gelegenheiten bietet und gleichzeitig recht gute Kontrolle des Lernfortschritts ermöglicht.

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