Lehrer im Buch der Gesichter?

von dessert

„Ich bin bei Facebook mit Schülern befreundet“ lautet der Titel eines Blogartikels der renommierten Süddeutschen Zeitung, deren aktuelle Printausgabe ich mir immer dann aus der Zeitungs- und Zeitschriftenabteilung der SLUB hole, wenn mir die Arbeit zu lang wird und ich eine Pause brauche, um auf einem der Ledersofas in Ebene -2 gemütlich darin zu schmökern.

Es geht um eine Lehrerin, die entgegen der Empfehlung des Kultusministeriums das weitverbreitete  soziale Netzwerk Facebook, das „Buch der Gesichter“ wie ich es gern lehnübersetze, sowohl privat als auch beruflich für Kontakte zu ihren Schülern nutzt. Beide Positionen erscheinen plausibel: Hinter der Empfehlung des Ministeriums steht natürlich die Bestrebung, privates und berufliches Leben der Lehrer nicht allzusehr zu vermischen, was einen Autoritätsverlust des Lehrers zur Folge haben könnte. Die besagte Lehrerin vermeidet das durch ganz konkrete Taktiken, die man im Artikel nachlesen kann:

  • „(I)ch nutze die Plattform kaum für private, geschweige denn für intime Konversation.“
  • „Ich schicke meinen Schülern keine Freundschaftsanfragen (…).“
  • „(I)ch wickle über Facebook keine schul- oder unterrichtsrelevanten Dinge ab (…).“

Ich habe nach der Lektüre einen sehr guten Eindruck von der Arbeit und den Auffassungen dieser Lehrerin. Es leuchtet absolut ein, dass sie, indem sie eine unter den Schülern so populäre Plattform ebenfalls nutzt, leichter ein Vertrauensverhältnis zu Schülern aufbauen und für sie da sein kann – mehr als manche Negativbeispiele von Lehrern für ihre Schüler zu tun bereit sind. Mit den oben aufgezählten Taktiken kann sie effektiv vermeiden, was das Ministerium vermutlich als Gefahr wahrnimmt, aber es erfordert auch viel Disziplin und einige Selbstreflektion, diese Regeln für sich aufzustellen und konsequent zu befolgen. Ich denke, dass ihr als Quereinsteiger das vielleicht leichter fällt als als einem künftigen Lehrer aus unserer jetzigen Studentengeneration – wer soziale Netzwerke in seiner Jugend und während des Studiums so intensiv für private Kommunikation genutzt hat wie viele das tun, dem fällt es womöglich schwer, darauf später zu verzichten und damit Berufliches vom Privaten abzugrenzen. Eine Lösung könnte hier vielleicht ein Zweitaccount nur für die Kommunikation mit den Schülern sein. Auch den letzten Punkt, das Buch der Gesichter nicht für unterrichtsrelevante Dinge zu nutzen, halte ich für sehr wichtig, denn nur dann kann die Plattform für wirklich ungezwungene Kommunikation genutzt werden, wenn kein Zwang zur Nutzung besteht.

Ich habe, wie mir in den letzten Wochen klar geworden ist, eine recht kritische Sicht auf die digitalen Medien, aber in diesem Fall, wenn die Benutzung eines sozialen Netzwerks ein geeignetes Werkzeug ist, um an die Schüler heranzukommen und ihnen die vertrauliche Kommunikation mit dem Lehrer als Ansprechpartner zu vereinfachen, muss ich der Blogautorin uneingeschränkt zustimmen, wenn sie konstatiert: „(Wir sollten) nicht einfach unsere Accounts löschen und die Augen vor der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen verschließen.“

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