rumbelwumbel

Beiträge von rumbelwumbel zum SOOC1314

Monat: November, 2013

Probleme des Internets

Zitat von Andrea Lißner, aus der Bewertung des Beitrags:
„Ich finde es generell super, dass Du auf die Digitalisierung der Gesellschaft einen so kritischen Blick hast.“

Darauf einzugehen kann ich mir denn doch nicht verkneifen: Ehrlich gesagt war mir vor dem SOOC absolut nicht klar, dass ich der fortschreitenden Digitalisierung kritisch gegenüberstehe, wo ich eigentlich ein recht computerversierter und -vertrauter Mensch bin. Deshalb schreibe ich denn doch noch einen kurzen Eintrag, um meine Position zum Internet zu erklären und zu erläutern, wie sich meine derart kritische und auch abweisende Haltung begründet.

Meines Erachtens liegen die ernsthaften Probleme des Internets

  1. in der Vermüllung bzw. der kaum mehr machbaren Trennung der Spreu vom Weizen
  2. in der riesigen Datenschutz- und Urheberrechtsproblematik
  3. in der allgegenwärtigen Vermarktung, die einem freien Wissensnetz entgegenläuft.

Zu 1., der Vermüllung des Internets: Wer kennt nicht die kühnen Hochrechnungen, das Internet bestünde zu 90% aus Pornografie? So weit muss man es aber gar nicht treiben, eigentlich reicht ein kurzer Besuch auf der allseits beliebten und mittlerweile an der Uni als Quelle sogar stellenweise geduldeten Onlineenzyklopädie Wikipedia. Sucht man dort ein Lemma von allgemeinem Interesse, dessen Kenntnis im Allgemeinwissen jedes gebildeten Mitteleuropäers nicht fehlen sollte, wie zum Beispiel dem Ferkelskunk¹, so findet man einen mit dem Prädikat „exzellent“ ausgezeichneten Artikel, der umfassend und vermutlich auch kompetent über Conepatus leuconotus informiert – offenbar interessieren sich genug Menschen für diese Art Weißrüsselskunk, dass ein solcher Artikel in dieser Qualität entstehen konnte, und man kann in der Konsequenz wohl davon ausgehen, den Informationen dort trauen zu können. Diese „exzellenten“ Artikel sind leider naturgemäß in der Unterzahl, viel öfter stößt man hingegen auf Artikel mit dicken Warnhinweisen oder auf die sogenannten Stummel (stubs), Artikel, die viel zu kurz sind, um über ein Thema ausreichend zu informieren. Hier sieht es schon anders aus, was die Verlässlichkeit der Informationen angeht: Ich kann nur über mein Fach sprechen, aber wenn schon ein Student nach grade vier Semestern im (Spezial)Fach ernstzunehmende Fehler und nicht selten auch schlichtweg falsche Informationen in diesen Artikeln findet, dann ist es klar, dass man diesen Artikeln nicht trauen kann. Wer trennt die Spreu vom Weizen? Wie kann ich sicher sein, dass eine Information aus den Weiten des WWW auch verlässlich ist? Man unterstellt seinen Mitmenschen immer, dass sie sich anstrengen, möglichst objektiv zu informieren, aber das reicht im wissenschaftlichen Bereich einfach nicht: Fürs universitäre Lernen ist es zwingend erforderlich, dass ich mich auf meine Quellen verlassen kann – auf die Mehrzahl der Informationen im Internet hingegen kann man sich momentan nach meiner Wahrnehmung (noch?) nicht im geringsten verlassen.

Zum zweiten Punkt der Probleme des Internet, der Datenschutz- und Urheberrechtsproblematik: Dazu ist uns wohl allen genug bekannt, weil es ja in der Vergangenheit mehrmals durch die Medien ging. Für die universitäre Lehre ergeben sich aber noch weitere, weitreichende Probleme: Digitale Medien können Plagiate begünstigen, und in der Anonymität des Internets ist Identitätsdiebstahl eine große Gefahr – man kann sich problemlos als eine andere Person ausgeben und ihren in der Wissenschaft so wichtigen Ruf schädigen.

Zu 3., der allgegenwärtigen Vermarktung: Kaum eine Seite kommt ohne Werbung aus, der Handel mit Klicks, Sichtungen (Views) und Daten floriert. Wie soll ein freies Wissensnetz möglich sein, wenn Seitenbetreiber ohne solche Einnahmen nicht wirtschaften können? Letztendlich steckt hinter jeder Website zwangsmäßig ein wirtschaftliches Interesse, zumindest die Ausgaben wieder reinzuholen – ich sehe das nicht als geeignete Voraussetzung für eine Sammlung verlässlicher Informationen. Erst letztens ist ein Fall von Lobbyismus bei Wikipedia bekannt geworden, wo Unternehmen steuern konnten, was in gewissen Artikeln stand und was nicht (Bericht z.b. hier). Taugt ein notwendigerweise derart profitorientiertes Netz zum Austausch objektiver Informationen?

 

Diese drei Punkte sehe ich als die hauptsächlichen Probleme des Internets, die die vermehrte Nutzung in der universitären Lehre be- und verhindern.

Was meint ihr dazu?

 

¹ Darin, dass ich grade diesen Artikel ausgewählt habe, steckt natürlich ein gewisser Sarkasmus. Die berechtigte Frage lautet ja: Brauchen wir das Wissen, das wir fast schon zwangsmäßig bekommen? Wichtiger als das Wissen-was (Know-how) ist in dieser Hinsicht vielleicht das Wissen-was-nicht.

Werbeanzeigen

Lernen A. D. 2038

Wo stehen wir in 25 Jahren, falls uns dann der Himmel noch nicht auf den Kopf gefallen ist?

Brauchen wir noch Hochschulen, wenn alles Lernen “Open Online” ist? Was denkt Ihr vor dem Hintergrund der digitalen Medien und Möglichkeiten über Lernen und Lehren in 25 Jahren?

2038 sieht garantiert alles anders aus, aber ebenso sicher wird es keinesfalls so aussehen, wie wir es uns ausmalen – die Science Fiction ist mittlerweile alt genug, damit man sich mit der Lektüre älterer Romane oder dem Hochgenuss älterer Filme sehr gut vor Augen führen kann, wie wenig wir uns die Zukunft vorstellen können. Das soll mich aber nicht vom Philosophieren abhalten: Ich bin Optimist, dementsprechend ist unsre Zukunft eine gute und nicht von einem WIssensmonopol, Suchmaschinenzensur oder neuaufgelegter Bücherverbrennung geprägt. Vielmehr hoffe ich inständig, dass die Menschheit es in 25 Jahren endlich auf die Reihe bekommen hat, Geräte zu bauen, die eine akzeptable Zeit weder kaputtgehen noch derart veralten, dass die nutzlos werden.

In meiner Zukunft hat jeder einen Taschenrechner, also einen Rechner für die Tasche, der quasi unzerstörbar ist, dessen wie auch immer geartete (vermutlich saubere) Energiequelle monatelang hält und der – das ist das allerwichtigste – zu absolut jedem anderen Taschenrechner vollständig kompatibel ist. Kommunikation ist damit absolut überall, jederzeit und mit jedem (der einverstanden ist) möglich. Bücher zu lesen ist außer auf analogem Wege auch digital mit einem elektronischen Buch möglich, das digitalisierte Bücher täuschend echt auf Seiten aus Spezialpapier darstellen kann. Ein Projekt zur Digitalisierung jeglicher Literatur ist grade im Anlaufen, nach wie vor gibt es aber noch nicht jedes Buch in digitaler Form, weshalb die analoge Lektüre zumindest für Fachwissen unumgänglich ist.

Soweit zu den Rahmenbedingungen, aber können diese fortschrittlichen Medien Hochschulunterricht ersetzen? Absolut nicht. Da wäre der Aspekt der Gruppendynamik: Wer von uns würde schon den Stoff eines Seminars gern auf sich allein gestellt durchgehen, statt sich mit Kommilitonen mit ähnlichen Interessen zu treffen und angeregt vom eigenen Wissensdurst auf fast schon spielerische Art und Weise eine Veranstaltung im Dialog mit einem kompetenten Dozenten aktiv mitzugestalten? Ich kann mir ganz ausgezeichnet selbst Dinge beibringen und auch komplizierte Thematiken autodidaktisch erschließen, könnte aber trotzdem niemals auf den bedeutenden Motivations- und Ideenschub, den mir die Gedanken und Ansichten der Mitstudenten und des Dozenten wöchentlich wieder geben, verzichten. Meiner Wahrnehmung nach lernt man vieles im Studium durch den Austausch mit Studenten und Lehrenden, durch deren Fragen und notwendigerweise verschiedenen Sichtweisen – dieser Austausch ist auch mit der hochauflösendsten Videokonferenz nicht zu erreichen, und ich kann mir kein digitales Medium vorstellen, das einen Austausch in dieser Tiefe ermöglichen könnte. Ein solches Medium müsste so beschaffen sein, dass es wirklich alle Komponenten unserer ja recht komplexen Kommunikation vollständig übermitteln kann – vielleicht ist das in 100 Jahren möglich, nicht aber in 25.

Persönliche Lernumgebung

Eine Grafik derjenigen Dinge, die mein Lernen konstituieren.

Da wordpress sie verkleinert und damit unleserlich macht, hier der Link zur Datei in Originalgröße.

 

Nachtrag:

Wie ich bemerkt habe, erklärt sich diese meine Grafik nicht von selbst, weshalb ich im folgenden erläutern will, warum sie so aussieht.
Beim Nachdenken über meine Lernumgebung stieß ich zuerst auf die Schwierigkeit der Definition des Lernens – im weiteren Sinne kann jede Handlung, sofern sie noch nicht völlig automatisch und unterbewusst abläuft, ja als ein Lernprozess verstanden werden. Mein Ziel war das Erstellen einer grafischen Übersicht, weshalb ich mich für einen stärker eingegrenzten Lernbegriff entschieden habe: Für mich stellt hier das Lernen wirklich nur den Erwerb neuen Wissens mit dem Ziel der dauerhaften Speicherung dar, einerseits im privaten Bereich und andererseits im Studium.
Werkzeuge wie z.B. eine Textverarbeitung oder die E-Mail erscheinen deshalb nicht in meiner Grafik, weil sie von diesem (wie ich merke wohl stärker eingegrenztem?) Begriff des Lernens nicht erfasst werden: Natürlich verfasse ich Studienarbeiten etc. mit solchen Werkzeugen, aber das Lernen findet doch nicht in LibreOffice statt, sondern durchs konzentrierte Mitdenken in Veranstaltungen, durchs Lesen von Fachliteratur und durch die notwendigerweise folgende kognitive Auseinandersetzung mit der Thematik. Software wie Textverarbeitung ist für mich nur ein Werkzeug zur Wiedergabe des Verstehensprozesses und deshalb nicht Teil des Lernens – schließlich kann ich keine Arbeit verfassen, ohne mir vorher im Kopf ein Konzept erstellt zu haben, was ich mit der Arbeit erreichen will.
Was das Lernen angeht, bin ich ein Einzelgänger, was verschiedene Gründe hat. Die Indogermanistik ist, das kann man mit Fug und Recht behaupten, eine Randwissenschaft – das geht so weit, dass dieses Semester sogar ein Seminar für nur einen einzelnen Studenten stattfindet. Hinzu kommt, dass viele der Kommilitonen nur ihre Pflichtveranstaltungen absitzen und selten bereit sind, zusätzliche Zeit zu investieren. Ich studiere Fach-BA und spezialisiere mich in der Indogermanistik, womit mein hauptsächlicher Fokus auf dem liegt, was fast alle anderen nur absitzen – ich kenne keinen einzigen Kommilitonen mit derselben Kombination oder ähnlich großer Begeisterung fürs Fach, und deshalb ist Gruppenarbeit kaum zu bewerkstelligen. Deshalb – nicht unfreiwillig, aber im Grunde trotzdem gezwungenermaßen – bin ich Einzellerner.
Wikipedia nutze ich als einziges digitales Medium in nennenswertem Ausmaß als schnelle Informationsquelle und Einstieg in eine Thematik. Auch das hat wohl mit meiner Fachrichtung zu tun: So spezielles Wissen wie das, was ich z.B. für meine derzeitige Forschungsarbeit brauche, bietet kein mir bekanntes digitales Medium. Des weiteren hat mir mein Studium und die damit verbundene Konfrontation mit Fachliteratur gezeigt, wie differenziert und tief solche Bücher in eine Thematik einführen können, was mich auch im privaten Bereich schnell davon abgebracht hat, das Internet als hauptsächliche Informationsquelle zu nutzen – für eine ernsthafte Beschäftigung mit einem Thema (s. o. meine Definition des Lernens) führt für mich kein Weg an einem Buch vorbei.

Ich hoffe, meine Position ist damit deutlich geworden – über weitere Fragen in den Kommentaren würde ich mich freuen! 🙂